Entweder erreichen wir, die Menschheit, das Nirwana gemeinsam, oder keiner erreicht es!

 

Guten Tag, hallo,

vielleicht können Sie mir weiterhelfen:

 

Der Versuch des "ICH", dem Wiedergeborenwerden zu entkommen, ist doch der schlimmste Egoismus. Wie kann ich irgendwo rumsitzen, meditieren (extrem gesprochen), während gleichzeitig irgendwo jemand ist, dem ich helfen könnte?

 

Und durch diesen Trick mit dem Karma kann ich sogar recht beruhigt rumsitzen, weil der Leidende, für den ich nichts tue, sich sein Leiden sowieso in einem früheren Leben "erarbeitet" hat.

 

 

Entweder erreichen wir, die Menschheit, das Nirwana gemeinsam, oder keiner erreicht es.

Gruss und Danke für Ihre informativen Seiten

 

Bernd M.

Ich habe Verständnisprobleme dieser Art eigentlich mit jeder mir bekannten Religion.


Lieber Bernd,

wenn es nach dir gehen würde, könnte niemand die Erlösung aus dem Samsara erreichen. Deine Forderung, alle oder keiner, ist völlig absurd und nicht machbar.

Stell dir vor, du stehst auf der sinkenden Titanic und rufst, entweder wir überleben alle, oder keiner. Damit fällst du das Todesurteil über die, die überleben könnten.

Wie du siehst, erreichst du mit deiner Forderung gar nichts, im Gegenteil, du bringst denen, die Überleben könnten den Tod, bzw. denen die die Erlösung finden könnten, nur Leid und Verderben.

Den Versuch die Erlösung vom Leiden, die Befreiung aus dem Samsara, als egoistisch zu bezeichnen, sei dir selbst überlassen. Es ist aber so, dass man die Achtsamkeits-Übungen (satipatthāna), das Geistestraining, das Einhalten der Sittenregeln (sīla), das Geben (dāna) etc. selber machen muss. Man kann es nicht für andere tun.

In jedem Passagierflugzeug wird vor dem Abheben darauf hingewiesen, dass bei einem Druckabfall in der Kabine Sauerstoffmasken herunterfallen, die man sich vor Mund und Nase halten und normal atmen soll. Wenn Kinder oder Ältere dabei sind, soll man zuerst sich selbst die Maske aufsetzen und erst dann den anderen helfen.

Es macht also durchaus Sinn, erst sich selbst zu helfen, auf sich selbst zu achten, und erst dann anderen helfen, und auf andere achten. Du würdest das sicherlich als egoistisch bezeichnen, erst den anderen die Maske aufsetzten wollen, dabei die Besinnung verlieren, und somit alle ins Verderben stürzen lassen.

Indem man, in erster Linie auf sich selbst aufpasst, passt man auch auf andere auf (siehe Samy.47.19; Der Einzige Weg Text 85 und Satipatthana).

Mir fällt hierzu ein eigenes Erlebnis mit meinem Vater ein. Als ich ihn einmal mit einem Moped mitnahm, hatte ich Schwierigkeiten die Balance zu halten. Als ich ihn fragte, was er denn da hinten machen würde, sagte er zu meiner Überraschung, er wolle mir helfen die Balance zu halten. Dabei erfuhr ich auch, dass er noch nie auf einem Moped mitgefahren war. Als ich ihm erklärte, er solle auf sich selber achten und nicht auf mich, wurde die Fahrt gleich angenehmer und sicherer. Mein Vater war auch jemand, der lieber erst versuchte anderen zu helfen, als ihm selbst. Wie man sieht, ist das nicht die richtige Reihenfolge. 

Du erwähnst nicht, wie du der Menschheit helfen willst, ob du obdachlose Kinder unterstützt, oder du dein Gehalt an Bedürftige abgibst, was immer du auch tust, es wird immer auch eine Zeit geben, bei der du dich hinsetzen und meditieren kannst. Im Grunde genommen kannst du der Menschheit (und dir selbst) keinen größeren Verdienst erweisen, als das Nirwana zu erreichen. (A.VI.30, A.V.32).

 

Es ist richtig, jeder hat sich sein Elend selbst geschaffen. Wir haben alle, aus Unachtsamkeit, aus Ärger und Zorn, aus Rachesucht, aus Gier, etc. anderen Schaden zugefügt, ohne zu wissen, dass wir uns damit nur selbst geschadet haben. Der eine mehr, der andere weniger, deshalb geht es auch nicht allen gleich gut oder schlecht.

 

Auch in dem Wissen, dass der andere sich das Elend, in dem er lebt, selbst geschaffen hat, können wir ihm dennoch helfen. Er hat es ja aus denselben Gründen getan wie wir selbst, und er bietet uns die Möglichkeit, unsere eigenen schlechten Taten abzuarbeiten, unser eigenes Karma zu verbessern. Also lass deine Hilfe der Menschheit zugutekommen und sei gebefreudig.

 

Laotse sagt dazu:

"Der Berufene häuft keinen Besitz auf;
je mehr er anderen tut, desto mehr besitzt er;
je mehr er anderen gibt, desto mehr hat er".

In Tirol befindet sich folgender Wegspruch:

"Gute Taten sind gute Waren,
man kauft sie ein um wenig Wert.
Kauf' sie ein in jungen Jahren,
bevor der Tod den Laden sperrt".

Ein alter Spruch lautet:

"Was ich hatte, verlor ich;
was ich gab', hab' ich".

(aus Heilslehre...)

 

»Wer einen Schatz gerettet hat
aus einem brennenden Gemach,
hat nur von diesem Schatze Nutzen,
doch nicht von dem, der drinnen brennt.
 
 
Gerade so wird diese Welt
verzehrt vom Alter und vom Tod.
Durch Geben mag man Schätze retten,
das Geben bester Retter ist.
 
 
Wer hier in Werken sich beherrscht,
in Worten und in seinem Denken,
dem bringt es nach dem Tode Glück,
daß er im Leben Gutes tat.«

A.III.52-53

 

Leider ist es nicht möglich, allen zu helfen. Nur wenn jemand einsichtig ist, kann ihm geholfen werden. Verschwenden sie nicht ihre Zeit mit uneinsichtigen Menschen. So wie man den Samen für das Getreide, auch nicht auf steinigen Boden wirft, wo nichts wachsen kann, sondern auf fruchtbare Erde, so sollten sie es auch mit der Lehre Buddhas halten.

 

Wenn jemand in eine Jauchengrube gefallen ist und noch eine Hand oder ein paar Haarbüschel herausragen, kann man ihn daran herauszuziehen. Wenn jemand so tief gefallen ist, das nichts mehr von ihm sichtbar ist, besteht keine Möglichkeit mehr ihn zu retten (A.VI.62).

 

Wolfgang


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