Vimāna Vatthu
81. (VII,7): Kanthako
Als der Bodhisatto als Prinz Siddhattho noch im Hause lebte, hatte er ein prächtiges Reitpferd namens Kanthako, das am gleichen Tage wie er geboren worden war. Auf dem Rücken dieses Pferdes verließ der Bodhisatto Kapilavatthu und ritt in die Freiheit. In jener Nacht durchquerte der Bodhisatto dank der Schnelligkeit seines Pferdes drei Reiche und kam schließlich am Morgen zum Grenzfluß Anomā. Auf dem anderen Ufer entließ der Bodhisatto seinen getreuen Diener Channo und sandte ihn mit Kanthako zurück nach Kapilavatthu, während er als heimatloser Asket nach Rājagaham pilgerte. Kanthako liebte seinen Herrn sehr. Zum Abschied leckte er die Füße des Bodhisatto und schaute ihm unverwandt mit großen Augen nach, als er davonging. Als der Bodhisatto aus dem Gesichtskreis verschwunden war, konnte Kanthako den Schmerz des Abschieds nicht ertragen und starb auf der Stelle, 29 Jahre alt.
Sofort wurde er bei den Göttern der Dreiunddreißig in einem prächtigen Vimāna wiedergeboren. Dort erblickte Mahāmoggallāno ihn auf einer Himmelsreise, wie er sich gerade zum himmlischen Park begab, zusammen mit einem großen Gefolge. Als Kanthako Moggallāno erblickte, begrüßte er ihn ehrfürchtig. Dann befragte Moggallāno ihn:
Bemerkungen:
Ein Tier kann leicht ein Gott werden, aber kein Tier kann, solange es Tier ist, die Lehre verstehen und den Stromeintritt erlangen. Aber in der nächsten Existenz ist das durchaus möglich. Als Reitpferd eines Buddha geboren zu werden, am selben Tage wie er, ist schon ein besonderes Wirken, setzt schon eine Nähe zum Bodhisatto voraus. Daß Kanthako im Alter von 29 Jahren an "gebrochenem Herzen" starb, ist nicht schwer nachzuvollziehen.
1179: Die netzartige Haut an Hand und Fuß gehört zu den 32 Merkmalen eines Großen Mannes. Die kupferfarbenen Nägel sind eines der 80 Nebenmerkmale.
1181: udaggacitto sumano (1182: udaggacitto mudito): im Herz (citta) erhoben (udaggo), frohen Sinns (su-mano) oder hocherfreut (mudito). Das sind Ausdrücke für besondere Gefühlserhebungen, positive und edle Gemütsregungen.
1183: unbeirrt (an-apekho), ohne die Absicht zurückzublicken und am Vergangenen zu haften.
1191: Damit sind die drei ersten Fesseln genannt, die beim Stromeintritt schwinden: Ansichtszwang (ditthi-gata: Ich-Welt-Gläubigkeit), existentieller Zweifel (vicikiccha), Tugendwerk (vata, für sila-bhata-paramāsa).
Diese Erzählung bietet eine gute Gelegenheit, vordergründige und tiefere Wertungen zu unterscheiden:
Vordergründig betrachtet war Kanthako ein bedauernswertes Wesen, das sein Menschentum vertan hatte und in einen untermenschlichen Bereich gelangt war, wo es keine Läuterung und keinen Ausweg gibt, sondern nur programmierte Instinkte, die zwangsläufig ablaufen. Gegenüber diesem Untermenschen Kanthako war Devadatto ein Glückspilz, ein Übergott (deva = Gott): ein Prinz, ein Vetter des Buddha, mit gewaltigen geistigen Fähigkeiten, die ihn zur Vertiefung und zu magischer Macht kommen ließen.
Tiefer betrachtet war Kanthako ein Wesen, das zum letzten Mal im Samsāro unter das Menschentum gesunken war und als Symbol für die Annäherung an den Buddha dessen Reitpferd wurde. Die Möglichkeit, sofort im nächsten Dasein den Stromeintritt bei den Dreiunddreißig Göttern zu erreichen, lag schon in ihm bereit. Devadatto hingegen verspielte alle seine Fähigkeiten und kam sehr lange in die Hölle, in die Unterwelt, der der stromeingetretene Göttersohn Kanthako für ewig entgangen war.
Also: es kommt immer auf die Richtung an, in welche ein Wesen sich entwickelt, ob zum Heil oder zum Unheil, ob zum Nirvana hin oder in die Tiefen des Samsāro hin. Der momentane Zustand zeigt nur das frühere Wirken an und läßt nichts über das künftige Wirken sagen, das aus unsichtbarer Tiefe kommt. Also, urteilt nicht die Tiere ab.
Die Geschichte findet sich, breiter ausgemalt, auch im Mahāvastu Bd. II, S. 191 ff.