Dhammapada

(Erhältlich beim Octopus-Verlag)

Aus dem Pali übersetzt von KURT SCHMIDT


Eine Neuübersetzung (WinWord.Doc 488kB) ist vom Santi-Verlag Ekkehard Saß Baden-Baden 1995 herausgegeben worden.


(Ein paar) BUDDHAS GEDICHTE von AGGASIRI THERO als WinWord Dokument (570kB).

(sind mir im Mai 2007 aus Sri Lanka von Aggasiri Bhikkhu zur freien Veröffentlichung zugesandt worden)


Vorwort zum Dammapada

Unter den fünf großen Sammlungen oder Nikāyas, die in ihrer Gesamtheit das Suttapitaka, den "Korb der Lehrsätze", bilden, steht der Khuddaka-Nikāya, die "Sammlung der kurzen Texte", an letzter Stelle; in ihm aber befinden sich gerade die ältesten Stücke der buddhistischen Überlieferung, und zu diesen gehören DHAMMAPADA, UDĀNA, SUTTA-NIPĀTA und THERAGĀTHĀ.

Das DHAMMAPADA, eine der volkstümlichsten unter allen kanonischen Schriften der Buddhisten, ist eine lose Sammlung von Sprüchen in Versen, mit denen Buddha und seine Jünger, besonders wenn sie zu Laien sprachen, ihre Lehrreden ausschmückten. Einige Verse sind deutlich als Worte Buddhas zu erkennen, manche andere können nicht von ihm, sondern nur von seinen Jüngern gesprochen sein; mehrere stehen auch in den THERA-GĀTHĀ und an anderen Stellen des Kanons, und dort sind die Verfasser genannt. Bei den meisten ist es zweifelhaft, aber auch gleichgültig, wer der Verfasser ist.

Die Form der Sprüche ist meist der Doppelvers, der aus je 16 Silben besteht (Sloka), ausnahmsweise sind es drei oder vier Verszeilen oder vier elfsilbige Verse. Sie sind, wie die Verse 44 und 45 bezeugen, lose zusammengebündelt, wie man Blumen zu einem Strauß bindet, geordnet nach Stichworten oder anderen äußeren Merkmalen, weniger nach dem Inhalt. Wie in einem großen Blumenstrauß schönere und weniger schöne Blumen nebeneinander blühen, so stehen auch im Dhammapada neben formschönen Versen mit großen, tiefen Gedanken manche ziemlich einfältige und sogar triviale. Die Übersetzung kann daran nichts ändern, sie ist auch nicht verantwortlich für einige schiefe Bilder, wie überhaupt zu beachten ist, daß in diesem Buch nicht freie Dichtung, sondern nur Übersetzung geboten wird, deren Inhalt und Ausdruck durch den Urtext bestimmt ist.

Das Dhammapada ist der erste Pali-Text, der in Europa veröffentlicht wurde: im Jahre 1855 gab ihn Fausböll, der verdienstvolle Bahnbrecher des Pali-Studiums, in Kopenhagen mit lateinischer Übersetzung heraus.

In den bisherigen deutschen Übersetzungen des Dhammapada finden sich viele Mißverständnisse. Sie beginnen schon mit dem Titel: Dhammapada bedeutet nicht "Pfad der Wahrheit" oder "Pfad der Lehre", sondern einfach: "Sprüche zur Buddhalehre in Versen". Mißverständlich ist es, wenn man "attā" in den Sprüchen mit "das Selbst" übersetzt; es ist hier meist nichts anderes als das Reflexivpronomen "sich" oder "er selbst", im Genitiv "sein eigener". "Citta" ist nicht das Herz oder der Geist, sondern das Denken; "piya" hat nichts mit "Liebe" zu tun, sondern bedeutet: "angenehm", "das, was man gern hat oder gern haben möchte" usw. Wenn man dies beachtet, verschwinden alle Schwierigkeiten für das Verständnis, und der Sinn der Sprüche leuchtet sofort ein.

Die Pali-Verse von 16 und mehr Silben können im Deutschen nicht gut durch Verse von derselben Silbenzahl wiedergegeben werden, weil für unser Sprachgefühl solche Verse zu lang wären, es sei denn, daß man Hexameter und Pentameter wählte. Die bisherigen Übersetzer haben die Doppelverse durch vierzeilige Strophen wiedergegeben. Dabei mußten sie oft zum Ausfüllen der Verse Worte einfügen, die im Urtext nicht stehen. Mir scheint, daß dadurch der Charakter der Verse, die im Pali kurz und einprägsam sind, verändert wird. Für solche Spruchpoesie haben wir im Deutschen gute Vorbilder im "Cherubinischen Wandersmann" des Angelus Silesius und in der "Weisheit des Brahmanen" von Friedrich Rückert; beide verwenden den aus 6 Jamben bestehenden Alexandriner, der paarweise gereimt ist. Diese Versform dürfte dem Dhammapada am besten entsprechen; darum habe ich sie für die Übersetzung gewählt, und zwar (mit einer Ausnahme) durchgängig, ohne Rücksicht auf die verschiedenen Versmaße im Urtext.

Das Buch ist erhältlich bei www.amazon.de


Yamaka - Spruch-Paare  - [Pali Version]

1
Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet:
Kommt aus getrübtem Geist dein Wort und dein Betragen.
So folgt dir Unheil, wie dem Zugtier folgt der Wagen.
 
2
Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet:
Entspringen reinem Geist dein Wort und deine Taten,
folgt das Glück dir nach, unfehlbar wie dein Schatten.
 
3
"Beraubt bin ich, besiegt, geschlagen und geschändet",
Solange man so denkt, wird Feindschaft nicht beendet.
 
4
"Beraubt bin ich, besiegt, geschlagen und geschändet'',
Wenn man so nicht mehr denkt, wird Feindschaft bald beendet.
 
5
Denn Feindschaft wird durch Feindschaft nimmermehr gestillt;
Versöhnlichkeit schafft Ruh' - ein Satz, der immer gilt.
 
6
Man denkt oft nicht daran, sich selbst zurückzuhalten;
Wer aber daran denkt, der läßt den Zorn erkalten.
(von Mahākaccayana = Theragāthā 498)
 
7
Wer nur das Schöne sieht, die Sinne nicht bewacht,
Nicht Maß beim Essen hält, durch Trägheit schwach sich macht,
Den wirft leicht Māra um, wie schwachen Baum der Wind.
 
(*8) 8
Wer auch das Schlimme sieht, die Sinne wohl bewacht,
Beim Essen mäßig ist, vertrauend stark sich macht,
Der bietet Mara Trotz, wie Felsgestein dem Wind.
 
9
Wer innen unrein ist und trägt das gelb' Gewand (*f1),
Von Zucht und Wahrheit fern, der macht dem Gelben Schand.
 
10
Wer innen sauber ist, in Sittlichkeit bewährt,
In Zucht und Wahrheit lebt, der ist des Gelben wert.
 
11
Wer Unechtes für echt, für unecht Echtes hält,
Der kommt zum Echten nie; sein Sinn ist falsch gestellt.
 
12
Wer Echt als echt erkennt und Unecht unecht find't,
Gelangt zum Echten hin, denn er ist recht gesinnt.
 
13
Wie Regen dringt ins Haus, wenn's Dach nicht gut belegt ist,
So sickert Gier ins Herz, wenn Denken nicht gepflegt ist.
 
14
Der Regen schadet nicht, wenn gut gedeckt das Haus;
Ist Denken gut gepflegt, dann bleibt Begierde aus.
 
15
Der Übeltäter seufzt hier und im nächsten Leben;
Er seufzt, weil er erkennt, wie übel war sein Streben.
 
16
Hier und auch nach dem Tod ist froh, wer Gutes tut;
Er freut sich, weil er weiß, sein Streben hier ist gut.
 
17
Der Übeltäter quält sich hier und drüben sehr;
Es quält ihn, was er tat; die Hölle quält ihn mehr.
 
18
Wer Gutes tat, der freut sich hier und drüben sehr;
Es freut ihn, was er tat; der Himmel freut ihn mehr.
 
19
Wer, ohne fromm zu sein, viel fromme Verse spricht,
Ist einem Hirten gleich, der fremdes Vieh verhandelt;
Er ist kein rechter Mönch, zu uns gehört er nicht.
 
20
Wer wenig Verse weiß, doch nach der Lehre wandelt,
Von Gier und Haß und Wahn in Weisheit frei geworden,
Nicht hier, nicht dort mehr hangt, gehört in unsern Orden. 


(*f1) Das gelbe Gewand ist die Robe des Bhikkhus, des Buddhistenmönchs.


Appamāda - Ernst und Eifer

21
Unsterblich macht der Ernst; der Leichtsinn führt zum Tod.
Die Ernsten sterben nicht; Leichtsinn'ge sind wie tot.
 
22
Verständ'ge haben dies erkannt in ernstem Streben;
Mit Ernst genießen sie der Edlen Glückserleben.
 
23
Wer die Versenkung übt mit Eifer allezeit,
Erreicht Nirvana einst, die höchste Seligkeit.
 
24
Wer eifrig, achtsam, rein, in guter Tat erprobt
Und nach der Lehre lebt, der Ernste wird gelobt.
 
25
Mit Ernst und Eifer schafft der Weise, wohl gezähmt,
Für sich ein Eiland, das die Flut nicht überschwemmt.
 
(*26) 26
Unwissend Volk gibt sich dem Leichtsinn töricht hin;
Der Weise wahrt den Ernst als köstlichsten Gewinn.
 
(*27) 27
Dem Leichtsinn fröhnet nicht, an Liebeslust erfreut!
Wer ernst Versenkung übt, erlangt Glückseligkeit.
 
28
Gelang es ihm mit Ernst, den Leichtsinn zu besiegen,
So hat der Weise schon der Weisheit Turm bestiegen
Und schaut, selbst ohne Sorg', auf die besorgte Menge,
Als säh' von hohem Berg im Tal er das Gedränge.
 
29
Bei Leichtgesinnten ernst, wachsam, wo andre faul,
Der Weise schlägt sie, wie das Rennpferd schlägt den Gaul.
 
30
Durch Ernst kam Indra zu dem höchsten Götter-Adel.
Den Ernsten lobt man stets, den Leichtsinn'gen trifft Tadel
 
31
Der Ernste sieht den Leichtsinn als gefährlich an,
Die Fesseln brennt er ab und geht des Feuers Bahn (*f2).
 
32
Der ernste Mönch, der die Gefahr des Leichtsinns sah,
Ist sicher vor dem Fall und dem Nirvana nah.


 (*f2) d.h., er erlischt wie das Feuer.


Citta - Denken

 (*33) 33
Das Denken, flatterhaft, unbändig, obstinat,
Gleichwie der Schmied den Pfeil, macht es der Weise grad.
 
34
Dem auf das trockne Land geworfnen Fische gleich,
So quält das Denken sich, zu fliehn aus Māras Reich.
 
35
Das Denken schweift gern ab, man hält es schwer zurück;
Es zähmen, das ist gut; gezähmt bringt Denken Glück.
 
36
Das Denken schweift gern ab, entschwindet unserm Blick;
Der Weise hütet es; bewacht bringt Denken Glück.
 
37
Gedanken, ungreifbar, die selten stille standen,
Wer diese wohl beherrscht, löst sich aus Māras Banden.
 
38
Im Denken ohne Halt, der Lehre nicht beflissen,
Wer im Vertrauen schwankt, kommt nie zu weisen Wissen.
 
39
Im Denken nicht verwirrt und frei von Lustverlangen,
Jenseits von Gut und Schlecht - so ist die Furcht vergangen.
 
40
Der Leib zerbricht wie Ton; zur Festung Denken mache!
Mit Weisheitsschwert erschlag' den Mar und halte Wache!
 
(*41) 41
Wie bald wird dieser Leib tot liegen auf der Erd',
Bewußtlos wie aus Holz, verworfen, ohne Wert!
 
(*42) 42
Viel Schlimm'res, als ein Feind dem Feind je angetan,
Tut dem das Denken an, der's nicht beherrschen kann.
( = Udāna IV,3)
 
43
So Gutes können nicht die Eltern je dir schenken,
Auch die Verwandten nicht, wie gut beherrschtes Denken.


Puppha - Blumen

44
Wer wird die Todeswelt, die Erde überwinden,
Wer wird als Blumenstrauß das Buch der Sprüche (Dhammapada) binden?
 
45
Ein Kämpfer (*f4) wird die Welt, die Erde überwinden,
Wie einen Blumenstrauß das Buch der Sprüche binden.
 
46
Als Schaum erkenn' den Leib, als Luftbild ohne Kern,
Wehr' Māras Pfeile (*f5) ab, entgeh' dem Todesherrn!
 
47
Wer, wie man Blumen pflückt, nur an Vergnügen denkt,
Den raubt der Tod, wie Flut ein schlafend Dorf ertränkt.
 
48
Wer, wie man Blumen pflückt, sich Sinnenlust verschafft,
In Lüsten niemals satt wird er dahingerafft.
 
49
Die Biene nimmt nur Saft, läßt unverletzt die Blüten;
So soll sich auch der Mönch im Dorf vor Habgier hüten.
 
50
Der andern Fehler und ihr Tun geht dich nichts an;
Betrachte, was du selbst getan und nicht getan!
 
51
Der schönen Blume gleich, die keinen Duft ausstrahlt,
Ist schön gesproch'nes Wort, das ohne Tat verhallt.
 
52
Der schönen Blume gleich, die feinen Duft verbreitet,
Ist schön gesproch'nes Wort, das gute Tat begleitet.
 
53
Wie man manch schönen Kranz aus vielen Blumen macht,
So sei der Sterbliche auf viel Verdienst bedacht.
 
54
Jasmin- und Sandelduft geht nicht dem Wind entgegen;
Doch guter Menschen Ruf verbreit't sich allerwegen.
 
55
Viel fein'rer Duft als der des Weihrauchs und des Sandels,
Des Lotus, des Jasmins ist der des reinen Wandels.
 
56
Gering nur gilt der Duft des Weihrauchs und des Sandels;
Die Götter lieben mehr den Duft des reinen Wandels.
 
57
Wer, stets in strenger Zucht, vermöge ernsten Strebens
In Weisheit sich befreit, den sucht der Mar vergebens.
 
58
Gleichwie ein Lotus, der im Kehrichthaufen sprießt,
Selbst dort noch seinen Duft, den lieblichen, ergießt,
 
59
So strahlt im Kehrichtpfuhl der blinden Menschenschar
Ein Jünger Gotamas, des voll Erwachten, klar. 


(*f4) Kämpfer = sekha; hier hat sich der Sammler der Sprüche selbst ein "Vergißmeinnicht" in den Blumenstrauß geflochten. Die Bescheidenheit verbietet ihm zwar, seinen Namen zu nennen, er deutet aber durch "sekha" an daß er den Pfad der Edlen betreten hat, jedoch noch kein "asekha", kein Heiliger, geworden ist.

(*f5) Māras Blumenpfeile sind die Versuchungen der Sinne.


Bāla - Toren

 
60
Lang ist dem Wachenden die Nacht, dem Müd'n das Reisen,
Lang der Geburten Lauf den Toren, den unweisen.
 
61
Triffst du nicht Bess're oder Gleiche, geh allein
Auf deinem Weg; laß dich mit Toren niemals ein!
 
62
Mit Sorgen spricht der Tor: "Mein Geld und meine Kinder!"
"Sein" ist nicht mal er selbst, doch Kind und Geld noch minder.
 
63
Ein Tor, der sich als dumm erkennt, ist klug fürwahr;
Hält er sich selbst für klug, bleibt dumm er immerdar.
 
64
Ein Tor, der lebenslang verkehrt mit einem Weisen,
Schmeckt nichts von Wahrheit, wie der Löffel von den Speisen.
 
65
Ein Kluger, der nur kurz verkehrt mit einem Weisen
Schmeckt schnell die Wahrheit, wie die Zunge schmeckt die Speisen.
 
66
Wer, wie sein eig'ner Feind, sich selbst zu schaden sucht,
Der Tor tut böse Tat und erntet bitt're Frucht.
 
67
Nicht gut ist eine Tat, die dich zur Reue zwingt
Und die, wenn ausgereift, dir Schmerz und Tränen bringt.
 
68
Gut aber ist die Tat, die niemals du bereust,
An der, wenn ausgereift, du dich mit Recht erfreust.
 
69
Untat, die noch nicht reif, scheint Toren süß zu sein;
Doch ist sie ausgereift, bringt sie dem Toren Pein.
 
70
Ob wochenlang ein Tor sich noch so sehr kasteit;
Wer treu der Lehre folgt, der übertrifft ihn weit.
 
71
Denn Untat setzt sich nicht, wie Milch im Sommer tut;
Sie folgt dem Toren, brennt, wie unter Asche Glut.
 
72
Sobald der Tor bemerkt, daß sie ihm Unheil bringt,
Zerstört sie, was noch gut, macht, daß sein Kopf zerspringt.
 
73
Ein Mönch, der, unverdient, im Rat den ersten Rang
Und Ruhm und Ehre sucht, beim Volke Lob und Dank,
 
74
Der denkt: "Mir sollen Volk und Mönche Achtung zollen,
Gebieten will ich, was sie tun und lassen sollen",
Der Tor, wie ist er doch an Stolz und Dünkel krank!
 
75
Nirvana ist ein Ziel, ein andres Weltlichkeit.
Den Buddhamönch, der dies verstanden hat, erfreut
Kein Ruhm, er liebt allein Zurückgezogenheit.

 


Pandita - Der Weise

76
Dem Weisen folg' wie einem Mann, der Schätze findet,
Wenn er dich tadelt und dir deine Fehler kündet;
Mit einem, der dich fördert, bist du dann verbündet.
 
77
Er unterweise dich und rate dir zum Rechten!
Den Guten ist er lieb und ist verhaßt den Schlechten.
(v. 76 und 77 von Sāriputta = Theragāthā 993-994)
 
78
Zu Freunden wähle Schlechte nicht, folg' nicht Gemeinen;
Ein Guter sei dein Freund, geselle dich den Reinen!
 
79
Wer gern die Lehre hört, schläft gut und lebt beglückt.
Vom edlen Buddhawort sind Weise stets entzückt.
 
(*80) 80
Der Brunner Wasser führt, die Pfeile biegt der Schmied,
Der Zimm'rer biegt das Holz, der Weise sich erzieht.
 
(*81) 81
Wie den soliden Fels der Wind nicht bringt zum Wanken,
So wird der Weise nicht bei Lob und Tadel schwanken.
 
82
Gleichwie ein tiefer See, ganz rein und ungetrübt,
Bleibt klar der Weise, der sich in der Lehre übt.
 
83
Entsagend allem, wünscht der Weise nichts, noch klagt er;
Ob Glück, ob Unglück kommt, nicht jubelt noch verzagt er.
 
84
Wünsch' nicht für dich und andre Kinder, Geld und Macht!
Auf Tugend, Weisheit, Recht sei ohne Trug bedacht!
 
85
Der Menschen wenige gelangen über's Meer,
Die andern laufen nur am Ufer hin und her.
 
86
Doch wer der Lehre folgt, der gut erklärten, findet
Hinweg vom Todesreich, das schwer man überwindet,
 
87
Der Weise flieh' den finstern Weg und streb' zum Lichte,
Hauslos, in Einsamkeit, wo Weltlust wird zunichte,
 
88
Dort such' er höchstes Glück, abseits von Sinnlichkeit,
Besitzlos läutere er sich von Unreinheit.
 
89
Wer zum Erwachen hin sein Denken eingerichtet,
Auf rechte Art und gern auf Weltliches verzichtet,
Wer frei von Leidenschaft und jeglichem Verlangen,
Der ist schon in der Welt zum Frieden eingegangen.


  Oben