Digha Nikaya 25

Zurueck Digha Nikāya - Die Längere Sammlung

Pātika Vagga - Buch des Pātikaputto

Dritter Teil - Zweite Rede

25. Udumbarika Sutta, Unter der Vogelfeige - (Pali)

DAS HAB' ICH GEHÖRT. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Rājagaham, am Geierkulm, im Gebirge. Um diese Zeit nun hatte der Pilger Nigrodho im Pilgergarten unter der Vogelfeige Aufenthalt genommen (*10), in Gesellschaft vieler Pilger, von etwa dreihundert Pilgern umgeben.

Da ist denn Sandhāno der Hausvater, noch mitten am Tage (*11), von Rājagaham aufgebrochen, um den Erhabenen besuchen zu gehn. Aber Sandhāno der Hausvater sagte sich da: <Es ist wohl noch nicht an der Zeit den Erhabenen aufzusuchen, zurückgezogen weilt der Erhabene; und auch die geistig vertieften Mönche besuchen ziemt sich jetzt nicht, zurückgezogen wirken die Mönche geistiges Werk. Wie, wenn ich nun nach dem Pilgergarten unter der Vogelfeige hinginge, zu Nigrodho dem Pilger heranträte?> So hat denn Sandhāno der Hausvater sich nach dem Pilgergarten unter der Vogelfeige hinbegeben wo Nigrodho der Pilger sich aufhielt.

Um diese Zeit aber war Nigrodho der Pilger, im weiten Kreise der Pilgerschar sitzend, in lebhaftem Gespräche begriffen; und sie machten lauten Lärm, großen Lärm, und unterhielten sich über allerhand gemeine Dinge, als wie über Könige, über Räuber, über Fürsten und Soldaten, über Krieg und Kampf, über Speise und Trank, über Kleidung und Bett, über Blumen und Düfte, über Verwandte, über Fuhrwerk und Wege, über Dörfer und Burgen, über Städte und Länder, über Weiber und Männer, über Branntweine und Gasthöfe, über Straßen und Märkte, über die Altvorderen und über die Veränderungen, über Volksgeschichten und Seegeschichten, über dies und das und dergleichen mehr. Es sah nun Nigrodho der Pilger wie Sandhāno der Hausvater von ferne herankam. Als er ihn gesehn, mahnte er die Umsitzenden zur Ruhe:

«Seid nicht so laut, ihr Lieben, macht keinen Lärm, ihr Lieben: da kommt ein Jünger des Asketen Gotamo heran, Sandhāno der Hausvater! Von jenen Jüngern des Asketen Gotamo, die da als Hausleute, weiß gekleidet, in Rājagaham wohnen, ist dieser auch einer, Sandhāno der Hausvater. Und sie lieben nicht lauten Lärm, diese Herren, Ruhe ist ihnen recht, Ruhe preisen sie; vielleicht mag ihn der Anblick einer lautlosen Versammlung bewegen seine Schritte hierher zu lenken.»

Also ermahnt schwiegen jene Pilger still. Da kam denn Sandhāno der Hausvater zu Nigrodho dem Pilger heran. Dort angelangt wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und nahm beiseite Platz. Beiseite sitzend wandte sich nun Sandhāno der Hausvater an Nigrodho den Pilger mit den Worten:

«Anders ist es hier bei den verehrten Pilgern der anderen Orden, wenn sie sich treffen und versammeln, kräftig rufen, laut reden, großen Lärm machen und über allerhand alltägliche Dinge eifrige Gespräche führen: und anders pflegt wohl Er, der Erhabene, im Walde einsame Stätten, entlegene Ruheplätze aufzusuchen, wo Lärm verklungen ist, wenig Geräusch nur hindringt, Orte, die von den Leuten gemieden werden, wo der Mensch verborgen sitzen und gut nachdenken kann.»

Auf diese Worte wandte sich Nigrodho der Pilger also an Sandhāno den Hausvater:

«Ach bitte, Hausvater, vielleicht weißt du, mit wem der Asket Gotamo zu reden pflegt, mit wem er sich in ein Gespräch einläßt, mit wem er sich in einen geistigen Kampf einläßt? Die öde Klause hat dem Asketen Gotamo den Geist benommen, der Asket Gotamo ist der Gesellschaft entfremdet, er kann gar nicht Gespräche führen, darum eben liebt er die entlegenen Orte. Gleichwie etwa eine einäugige Kuh an der Weidengrenze herumstreicht und nur abgelegene Orte aufsucht: ebenso nun auch ist der Geist des Asketen Gotamo in öder Klause benommen, der Asket Gotamo ist der Gesellschaft entfremdet, er kann gar nicht Gespräche führen, darum eben liebt er die entlegenen Orte. Lasse doch, Hausvater, den Asketen Gotamo zu dieser Versammlung erst herkommen: mit einer einzigen Frage schon werden wir ihn wohl zum Umsinken bringen, ihn wie eine leere Kufe, so zu sagen, ausgepocht haben.»

Es vernahm aber der Erhabene mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Grenzen hinausreichenden, dieses Gespräch des Hausvaters Sandhāno mit Nigrodho dem Pilger. Da ist denn der Erhabene vom Geierkulm aus dem Gebirge herabgestiegen, dem Gestade der Sumāgadhī (die Sumāgadhī, heute Bāngangā genannt) entlang bis zum Pfauenhügel herangekommen, und ist dann in der Aue dort auf und ab gegangen. Es sah nun Nigrodho der Pilger wie der Erhabene dem Gestade der Sumāgadhī entlang bis zum Pfauenhügel herankam, und dann in der Aue dort auf und ab ging. Bei diesem Anblick mahnte er die Versammlung ringsum zur Ruhe:

«Seid weniger laut, ihr Lieben, ich ersuche die Lieben keinen Lärm zu machen: dort geht der Asket Gotamo am Gestade der Sumāgadhī, beim Pfauenhügel, in der Aue auf und ab. Viel Geräusch aber liebt er nicht, der Ehrwürdige, Ruhe ist ihm recht, Ruhe preist er; vielleicht daß ihn der Anblick einer lautlosen Versammlung bewegen mag seine Schritte heranzulenken. Sollte der Asket Gotamo in unsere Gesellschaft kommen, so wollen wir eine solche Frage vorlegen: 'Was ist denn das, o Herr, für eine Satzung vom Erhabenen, worin der Erhabene die Jünger unterweist, in der die Jünger, durch den Erhabenen unterwiesen, ihren Trost gefunden zu haben bekennen, oblegen dem Urasketentum?»

Also aufgefordert verhielten sich jene Pilger ruhig. Da kam denn der Erhabene zu Nigrodho dem Pilger heran. Nigrodho der Pilger aber wandte sich mit diesen Worten an den Erhabenen:

«Es komme, o Herr, der Erhabene, gegrüßt sei, o Herr, der Erhabene! Lange schon, o Herr, hat der Erhabene hoffen lassen uns hier einmal zu besuchen. Möge sich, o Herr, der Erhabene setzen: dieser Sitz ist bereit.»

Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz. Nigrodho aber der Pilger nahm einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich an die Seite. Zu Nigrodho dem Pilger nun, der da beiseite saß, sprach der Erhabene also:

«Zu was für einem Gespräche, Nigrodho, seid ihr jetzt hier zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?»

Also gefragt gab da Nigrodho der Pilger dem Erhabenen zur Antwort:

«Wir haben da, o Herr, den Erhabenen gesehen, am Gestade der Sumāgadhī gegen den Pfauenhügel hinschreiten und in der Aue auf und ab wandeln. Bei diesem Anblick haben wir uns gesagt: 'Sollte der Asket Gotamo in unsere Gesellschaft kommen, so wollen wir eine solche Frage vorlegen: Was ist denn das, o Herr, für eine Satzung vom Erhabenen, worin der Erhabene die Jünger unterweist, in der die Jünger, durch den Erhabenen unterwiesen, ihren Trost gefunden zu haben bekennen, oblegen dem Urasketentum?' Das war, o Herr, unter uns da besprochen worden, und wir brachen ab als der Erhabene ankam.»

«Schwer ist das freilich zu verstehen, Nigrodho, für dich ohne Deutung, ohne Geduld, ohne Hingabe, ohne Anstrengung, ohne Lenkung, worin ich die Jünger unterweise, worin die Jünger, durch mich unterwiesen, ihren Trost gefunden zu haben bekennen, oblegen dem Urasketentum. Lasse mich lieber, Nigrodho, über deinen eigenen Lehrsatz, Abscheu betreffend, eine Frage beantworten, etwa: 'Wie muß wohl, o Herr, Buße und Abscheu sein um vollkommen zu werden, und wie bleibt es unvollkommen?'»

Auf diese Worte brachen die Pilger dort in lebhafte Rufe aus, in lauten Beifall, in großen Lärm:

«Außerordentlich, in der Tat, ganz wunderbar ist des Asketen Gotamo hohe Macht, hohe Gewalt, daß er allen Ernstes seine eigene Meinung hintansetzen und einer Äußerung von anderer Seite das Wort reden mag!»

Da hat denn nun Nigrodho der Pilger jene Pilger beschwichtigt und sich an den Erhabenen also gewandt: «Wir, o Herr, haben Buße und Abscheu erwählt, halten fest an Buße und Abscheu. Wie muß aber, o Herr, Buße und Abscheu sein um vollkommen zu werden, und wie bleibt es unvollkommen?»

«Da ist, Nigrodho, der Büßer ein Unbekleideter, ein Ungebundener, ein Handverköster, kein Ankömmling, kein Abwärtling, gestattet keine Darreichung, keine Vergünstigung, keine Einladung, späht beim Empfangen des Almosens nicht nach dem Topfe, nicht nach der Schüssel, nicht über die Schwelle, nicht über das Gitter, nicht in den Kessel hinein, nimmt nicht von zu zweit Speisenden an, nicht von einer Schwangeren, nicht von einer Säugenden, nicht von einer, die vom Manne kommt, nicht von Beschmutzten, nicht wo ein Hund dabei steht, nicht wo Fliegen hin und her schwärmen, ißt keinen Fisch, kein Fleisch, trinkt keinen Wein, kein gebranntes Wasser, keinen gegorenen Haferschleim. Er geht zu einem Hause und begnügt sich mit einer Handvoll Almosenspeise; geht zu zwei Häusern und begnügt sich mit zwei Handvoll Almosenspeise; geht zu sieben Häusern und begnügt sich mit sieben Handvoll Almosenspeise. Er fristet sein Leben durch die Mildtätigkeit von nur einer Spenderin, von nur zwei Spenderinnen, von nur sieben Spenderinnen. Er nimmt nur jeden ersten Tag Nahrung ein, nur jeden zweiten Tag, nur jeden siebenten Tag. Solcherart wechselnd beobachtet er streng diese bis auf einen halben Monat ausgedehnte Fastenübung. Oder er lebt von Kräutern und Pilzen, von wildem Reis und Korn, von Samen und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz, von Gräsern, von Kuhmist, fristet sich von Wurzeln und Früchten des Waldes, lebt von abgefallenen Früchten. Auch trägt er das hänfene Hemd, trägt das härene Hemd, trägt einen Rock, geflickt aus den im Leichenhof und auf der Straße gefundenen Fetzen, hüllt sich in Lumpen, in Felle, in Häute, gürtet sich mit Flechten aus Gras, mit Flechten aus Rinde, mit Flechten aus Laub, birgt die Blöße unter pelzigem Schurze, unter borstigem Schurze, unter einem Eulenflügel. Und er rauft sich Haupt- und Barthaar aus, die Regel der Haar- und Bartausraufer befolgend, ist ein Stetigsteher, verwirft Sitz und Lager; ist ein Fersensitzer, übt die Zucht der Fersensitzer; ist Dornenseitiger, legt sich zur Seite auf ein Dornenlager; er liegt auf einem Brette, liegt auf dem Estrich, liegt auf einer Seite, mit Staub und Asche bedeckt; er lebt unter freiem Himmel, überall gelagert; er nährt sich von Unrat, der Unraternährung eifrig ergeben; er ist ein Wasserfreund, dem Wasserdienste ergeben, steigt allabendlich zum drittenmal herab ins Büßerbad. Was meinst du wohl, Nigrodho: wenn es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu vollkommen geworden, oder ist es unvollkommen geblieben?»

«Freilich, o Herr, verhält es sich also, dann ist Buße und Abscheu vollkommen geworden, es ist nicht unvollkommen geblieben.»

«Also vollkommen gewordene Buße und Abscheu, Nigrodho, heiße ich noch mit verschiedenartigen Schlacken versetzt (*12).»

«Inwiefern denn, o Herr, heißt der Erhabene eine also vollkommen gewordene Buße und Abscheu mit verschiedenartigen Schlacken versetzt?»

Was meinst du wohl, Nigrodho: ist Buße und Abscheu solcher Art mit Schlacken versetzt oder von Schlacken rein?»

«Freilich, o Herr, ist Buße und Abscheu solcher Art mit Schlacken versetzt und nicht rein von Schlacken. Und es mag schon sein, o Herr, daß da mancher Büßer eben mit all diesen Schlacken behaftet sei, geschweige mit einer oder mit der anderen!»

Was meinst du wohl, Nigrodho wenn es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden oder unlauter geblieben?»

«Freilich, o Herr, da es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden, nicht unlauter geblieben, hat das Höchste erreicht und den Inbegriff.»

«Nicht doch, Nigrodho, insofern schon hat Buße und Abscheu das Höchste erreicht und den Inbegriff, sondern ist wohl bis zu den Ästen gelangt (*15).»

«Inwiefern aber hat, o Herr, Buße und Abscheu das Höchste erreicht und den Inbegriff? Sei der Erhabene, o Herr, so gut und lasse mich bei Buße und Abscheu bis an das Höchste gelangen, bis zum Inbegriff.»

«Da ist, Nigrodho, ein Büßer vierfach gezügelt in fester Zucht. Wie aber, Nigrodho, ist ein Büßer vierfach gezügelt in fester Zucht?

So ist, Nigrodho, ein Büßer vierfach gezügelt in fester Zucht. Ist aber, Nigrodho, ein Büßer vierfach gezügelt in fester Zucht, und gilt ihm dies als Buße, so schreitet er weiter und kehrt nicht mehr zur Gewohnheit zurück. Er sucht einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht.

Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken des Gemütes kennen gelernt, die lähmenden. Liebevollen Gemütes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wieder erkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden Gemütes, freudevollen Gemütes, unbewegten Gemütes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wieder erkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem Gemüte, mit freudevollem Gemüte, mit unbewegtem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem (*17).

Was meinst du wohl, Nigrodho: wenn es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden oder unlauter geblieben?»

«Fürwahr, o Herr, da es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden, nicht unlauter geblieben, hat das Höchste erreicht und den Inbegriff.»

«Nicht doch, Nigrodho, insofern schon hat Buße und Abscheu das Höchste erreicht und den Inbegriff, sondern ist wohl bis an die Rinde gelangt.»

«Wie aber wär's denn, o Herr, daß Buße und Abscheu auf das Höchste gelangte und zum Inbegriff! Sei der Erhabene, o Herr, so gut und lasse mich bei Buße und Abscheu bis an das Höchste gelangen, bis zum Inbegriff.»

«Da ist, Nigrodho, der Büßer vierfach gezügelt in fester Zucht, hat die fünf Hemmungen aufgehoben, er weilt unbewegten Gemütes. Der kann sich nun an manche verschiedene frühere Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. <Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein>: so kann er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigentümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen, erinnern. Was meinst du wohl, Nigrodho: wenn es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden oder unlauter geblieben?»

«Freilich, o Herr, da es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden, nicht unlauter geblieben, hat das Höchste erreicht und den Inbegriff.»

«Nicht doch, Nigrodho, insofern schon hat Buße und Abscheu das Höchste erreicht und den Inbegriff, sondern ist wohl bis an das Grünholz gelangt.»

«Wie mag denn aber, o Herr, Buße und Abscheu das Höchste erreichen und den Inbegriff? Sei der Erhabene, o Herr, so gut und lasse mich bei Buße und Abscheu bis zum Höchsten herankommen, eben den Inbegriff erreichen.»

«Da ist, Nigrodho, der Büßer vierfach gezügelt in fester Zucht, hat die fünf Hemmungen aufgehoben, er weilt unbewegten Gemütes, erinnert sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform. Der kann nun mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Grenzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Taten wiederkehren. <Diese lieben Wesen sind freilich in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Taten dem Guten zugetan, in Worten dem Guten zugetan, in Gedanken dem Guten zugetan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, tun Rechtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in selige Welt>: so kann er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Grenzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Taten wiederkehren. Was meinst du wohl, Nigrodho: wenn es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden oder unlauter geblieben?»

«Gewiß, o Herr, da es sich also verhält, ist dann Buße und Abscheu lauter geworden, nicht unlauter geblieben, hat das Höchste erreicht und den Inbegriff.»

«Insofern, Nigrodho, ist Buße und Abscheu auf das Höchste gestiegen, hat den Inbegriff erreicht. Das jedoch, Nigrodho, worüber du mich gefragt hattest: <was ist denn das, o Herr, für eine Satzung vom Erhabenen, worin der Erhabene die Jünger unterweist, in der die Jünger, durch den Erhabenen unterwiesen, ihren Trost gefunden zu haben bekennen, oblegen dem Urasketentum>, das ist, Nigrodho, ein Gegenstand, der noch weiter reicht und erlesener ist, worin ich die Jünger unterweise, worin die Jünger, durch mich unterwiesen, ihren Trost gefunden zu haben bekennen, oblegen dem Urasketentum.»

Nach diesen Worten brachen die Pilger dort in lebhafte Rufe aus, in lauten Beifall, in großen Lärm:

«So haben wir unsere Lehrsätze verloren, so haben wir unsere Lehrsätze wiedergefunden! Darüber hinaus begreifen wir nichts Höheres mehr.»

Als nun Sandhāno der Hausvater merkte: <Ohne Zweifel horchen jetzt diese andersfährtigen Pilger auf das Wort des Erhabenen, sie leihen Gehör, wenden das Herz dem Verständnisse zu>, da wandte er sich also an Nigrodho den Pilger: «Wie ist das wohl, verehrter Nigrodho, mit dem, was du zu mir gesagt hast: <Ach bitte, Hausvater, vielleicht weißt du, mit wem der Asket Gotamo zu reden pflegt, mit wem er sich in ein Gespräch einläßt, mit wem er sich in einen geistigen Kampf einläßt? Die öde Klause hat dem Asketen Gotamo den Geist benommen, der Asket Gotamo ist der Gesellschaft entfremdet, er kann überhaupt nicht Gespräche führen, eben darum liebt er die entlegenen Orte. Gleichwie etwa eine einäugige Kuh an der Weidengrenze umherschweift und nur abgelegene Orte aufsucht: ebenso nun auch ist der Geist des Asketen Gotamo in öder Klause benommen, der Asket Gotamo ist der Gesellschaft entfremdet, er kann überhaupt nicht Gespräche führen, eben darum liebt er die entlegenen Orte. Lasse doch, Hausvater, den Asketen Gotamo zu dieser Versammlung erst herkommen: mit einer einzigen Frage schon werden wir ihn wohl zum Umsinken bringen, ihn wie eine leere Kufe, so zu sagen, ausgepocht haben.> Da ist nun, o Herr, der Erhabene, Heilige, vollkommen Erwachte hier zugegen: lasset ihn doch der Gesellschaft entfremdet sein, wie eine einäugige Kuh an der Grenze der Weiden umherschweifen, bringet ihn mit einer einzigen Frage schon zum Umsinken, ihr wolltet ihn ja wie eine leere Kufe, so zu sagen, auspochen.»

Also angesprochen war Nigrodho der Pilger stumm geworden, verlegen geworden: mit gebeugten Schultern, auf den Boden vor sich hinstarrend, ohne eine Antwort zu finden, saß er da. Wie nun Nigrodho der Pilger so dasaß, wandte sich der Erhabene bei diesem Anblick also an ihn:

«Ist es wahr, Nigrodho, hast du solche Sprache geführt»

«Es ist wahr, o Herr, ich habe solche Sprache geführt, wie ein Tor, wie ein Irrer, wie ein Mißratener.»

«Was meinst du wohl, Nigrodho: hast du vielleicht reden hören, bei den Pilgern, den altgewordenen, hochbejahrten, bei den Meistern und Altmeistern, als sie untereinander sprachen: daß da einst, in vergangenen Zeiten, Heilige, vollkommen Erwachte waren, und jene Erhabenen wohl also gesellig zusammengekommen sind, lebhafte Gespräche geführt, lauten Lärm, großen Lärm gemacht, sich über allerhand gemeine Dinge eifrig unterhalten haben, als wie über Könige und so weiter, über dies und das und derart, gleichwie auch du jetzt als Ordenshaupt: oder daß wohl jene Erhabenen also im Walde einsame Stätten, entlegene Ruheplätze aufzusuchen pflegten, wo Lärm verklungen ist, wenig Geräusch nur hindringt, Orte, die von den Leuten gemieden werden, wo der Mensch verborgen sitzen, sich zurückziehen kann, gleichwie auch ich es jetzt pflege?»

«Reden hab' ich hören, o Herr, bei den Pilgern, den altgewordenen, hochbejahrten, bei den Meistern und Altmeistern, als sie untereinander sprachen: daß da einst, in vergangenen Zeiten, Heilige, vollkommen Erwachte waren, und jene Erhabenen wohl nicht also gesellig zusammengekommen sind, lebhafte Gespräche geführt, lauten Lärm, großen Lärm gemacht, sich über allerhand gemeine Dinge eifrig unterhalten haben, als wie über Könige und so weiter, über dies und das und derart, gleichwie auch ich jetzt als Ordenshaupt: wohl also pflegten jene Erhabenen im Walde einsame Stätten, entlegene Ruheplätze aufzusuchen, wo Lärm verklungen ist, wenig Geräusch nur hin dringt, Orte, die von den Leuten gemieden werden, wo der Mensch verborgen sitzen, sich zurück ziehn kann, gleichwie es auch jetzt der Erhabene pflegt.»

«Und ist dir, Nigrodho, da du Verstand hast, erwachsen bist, nicht etwa beigefallen: <Erwacht ist der Erhabene, zur Erwachung zeigt er die Lehre, beruhigt ist der Erhabene, zur Beruhigung zeigt er die Lehre, gestillt ist der Erhabene, zur Stillung zeigt er die Lehre, entronnen ist der Erhabene, zur Entrinnung zeigt er die Lehre, zur Erlöschung gekommen ist der Erhabene, zur Erlöschung kommen zu lassen zeigt er die Lehre>?»

Auf diese Worte hat Nigrodho der Pilger zum Erhabenen also gesprochen:

«Ein Vergehn hat mich, o Herr, überkommen, wie einen Toren, wie einen Irren, wie einen Mißratenen, der ich über den Erhabenen so geredet hatte! So möge mich, o Herr, der Erhabene das Vergehn als Vergehn bekennen lassen, um in Zukunft an mich zu halten.»

«In der Tat hat dich, Nigrodho, ein Vergehn überkommen, wie einen Toren, wie einen Irren, wie einen Mißratenen, da du so über mich geredet. Weil du aber nun, Nigrodho, das Vergehn als Vergehn eingesehn und nach Gebühr bekannt hast, erkennen wir das von dir an. Denn ein Fortschritt ist es, Nigrodho, im Orden des Heiligen, ein Vergehn als Vergehn einzusehn, nach Gebühr zu bekennen, in Zukunft an sich zu halten. - Ich also, Nigrodho, sage dies: willkommen sei mir ein verständiger Mann, kein Heuchler, kein Gleisner, ein gerader Mensch. Ich führ' ihn ein, ich lege die Satzung dar. Der Führung folgend wird er so Schritt um Schritt jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen, in sieben Jahren. Sei es, Nigrodho, um die sieben Jahre: in sechs Jahren, fünf Jahren, vier Jahren, in drei Jahren, zwei Jahren, in einem Jahre wird er die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen. Sei es, Nigrodho, um das eine Jahr: in sieben Monaten, sechs Monaten, fünf Monaten, vier Monaten, in drei Monaten, zwei Monaten, in einem Monat, in einem halben Monat wird er die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen. Sei es, Nigrodho, um den halben Monat: willkommen sei mir ein verständiger Mann, kein Heuchler, kein Gleisner, ein gerader Mensch. Ich führ' ihn ein, ich lege die Satzung dar. Der Führung folgend wird er so Schritt um Schritt jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen, in sieben Tagen. - Nun möchtest du wohl, Nigrodho, etwa denken: <Um Jünger zu werben spricht der Asket Gotamo so, doch darf das, Nigrodho, nicht also aufgefaßt werden. Wer auch euer Meister ist, der soll auch euer Meister sein. Oder du möchtest wohl, Nigrodho, etwa denken: <Von unserer Regel will uns der Asket Gotamo abwendig machen, darum spricht er so>, doch darf das, Nigrodho, nicht also aufgefaßt werden. Was auch deine Regel ist, das soll auch deine Regel sein. Oder vielleicht möchtest du, Nigrodho, vermeinen: <Von unserem Wandel will uns der Asket Gotamo abwendig machen, darum spricht er so>, doch darf das, Nigrodho, nicht also aufgefaßt werden. Was eben dein Wandel ist, das soll auch dein Wandel sein. Oder du möchtest, Nigrodho, etwa vermeinen: <Was bei uns als unheilsam gilt, nach unserem Lehrgebot, darin will uns der Asket Gotamo bestärken, darum spricht er so>, doch darf das, Nigrodho, nicht also aufgefaßt werden. Als unheilsam soll es eben gelten, nach euerem Lehrgebot. Oder du möchtest auch, Nigrodho, etwa denken: <Was bei uns als heilsam gilt, nach unserem Lehrgebot, davon will uns der Asket Gotamo abbringen, darum spricht er so>, doch darf das, Nigrodho, nicht also aufgefaßt werden. Als heilsam soll es eben gelten, nach euerem Lehrgebot. So hab' ich denn, Nigrodho, nicht wohl um Jünger zu werben also gesprochen, auch nicht um von einer Regel abwendig zu machen oder von einem Wandel, auch nicht um in Dingen, die euch als unheilsam gelten, euch zu bestärken, und habe auch nicht also gesprochen um von Dingen, die euch als heilsam gelten, euch abzubringen. Es gibt ja, Nigrodho, unheilsame Dinge, die zu lassen sind, besudelnde, Wiederdasein säende, entsetzliche, Leiden ausbrütende, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugende: davon sich abzukehren leg' ich die Lehre dar, so daß ihr Schritt um Schritt die besudelnden Dinge verlieren, die läuternden Dinge erwerben, euch die Weisheit in ihrer Fülle und Weite noch bei Lebzeiten selber offenbar machen, verwirklichen und erringen könnt (*18).»

Nach diesen Worten verblieben die Pilger dort stumm. Verlegen geworden, mit gebeugten Schultern, auf den Boden vor sich hinstarrend, ohne eine Erwiderung zu finden, saßen sie da, als wie schon vom Tod im Geiste umgarnt (*19). Da hat denn der Erhabene sich gesagt: <Alle sind sie, die eitlen Menschen, vom Tode berührt, dem bösen, da auch nicht ein einziger sich entschließen mag: 'Wohlan denn, nur des Versuches halber wollen wir beim Asketen Gotamo heiliges Leben führen, sieben Tage, was liegt daran?'>

Da hatte nun der Erhabene im Pilgergarten unter der Vogelfeige den Löwenruf erschallen lassen, stieg dann zur Höhe empor, kehrte wieder auf den Geierkulm im Gebirge zurück; während Sandhāno der Hausvater sich alsbald nach Rājagaham begab.


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Fußnoten:

(*10) Back Nigrodho der Pilger wurde schon in der 8. Rede genannt, wo auf die jetzt erst wiedergegebene Unterredung Bezug genommen ist.

(*11) Back Divā divassa, mitten am Tage. Sandhāno der Hausvater war schon am hellen Mittag, bei brennender Sonne, aufgebrochen um beizeiten dahinzugelangen, wo er den ganzen Nachmittag bis gegen Abend in lehrreichen Gesprächen zu verweilen gedachte. Sonst pflegte man nämlich erst gegen Sonnenuntergang, wenn die Hitze nachgelassen, Asketen und Pilger in ihren Hainen und Garten besuchen zu gehn. Darum ist hier das «noch mitten am Tage», divā divass' eva, besonders hervorgehoben.

(*12) Back Was der Büßer schon als letzte Vollkommenheit betrachtet, erkennt Gotamo als immer noch unzulänglich, im Gegensatz zur allgemeinen Meinung der Zeit. Aus einem Gespräch mit Salho, einem Edlen aus dem Geschlechte der Licchavier von Vesālī, wird das richtige Verhältnis von Büßertum und Asketentum sehr leicht verständlich. Überliefert in Anguttaranikāyo, Catukkanipāto No.196. Gotamo hatte ja selbst, während der ersten sechs Jahre seiner Pilgerschaft, die gesamte harte Büßerpraxis bis zur letzten Vollendung durchgemacht, ohne durch die bitteren Kasteiungen das «Heiltum der Wissensklarheit» erringen zu können. Über diesen Lebensabschnitt wird in der 36. und 85., insbesondere aber in der 4. und 12. Rede der Mittleren Sammlung vom Meister ausführlich Bericht erstattet. Erst nachdem Gotamo den so hoch gepriesenen Weg der vedischen Meister als Abweg erkannt hatte, war er dann über die fruchtlos, ja verderblich erprobte Selbstqual hinweggekommen. Eine eingehende Darlegung dessen, was Gotamo eigentlich als Buße, als läuternde Übung des Jüngers verstanden hat, ist im Anguttaranikāyo erhalten, Tikanipāto No. 102/3 (PTS 100), ed. Siam. p. 329-336.

(*13) Back Der ehrwürdige Udāyī sagt, in der 66. Rede der Mittleren Sammlung, «Was für Mahlzeit von den beiden uns als die bessere gilt, die hat uns der Erhabene zu lassen geheißen, die hat uns der Willkommene verleugnen geheißen. Alles wird für den Abend bereitet, wenig für den Tag. Weil wir aber zum Erhabenen Liebe und Zutrauen hegten, schamhaft und demütig waren, so ließen wir davon ab, abends, außer der Zeit, zu essen.» Die von Gotamo sehr weise als unpraktisch abgelehnte alte Speiseregel der brahmanischen Büßer, erst nach Sonnenuntergang zu essen und gelegentlich zwei oder auch vier Tage hindurch ganz zu fasten, ist vom ägyptischen ANTONIOS, dem Gründer der abendländischen Asketik, getreu befolgt worden, wie der Augenzeuge ATHANASIOS berichtet: «Er aß einmal des Tags nach Sonnenuntergang; zuweilen ließ er zwei Tage, oft aber auch vier Tage vorübergehen.»

(*14) Back Samanapavādena, wie man unter Asketen sagt: so z.B. nach Manus VI 17, wo für das Zersägen mit den Zähnen, dantakūtam, ähnlich dantolūkhalikah gilt, «die Zähne als Mörser gebrauchen», ein Asket sein, der nur ungemahlene Körner ißt. Auf den Wortlaut dieser Büßerregel, von der auch im Bhāratam und Rāmāyanam wiederholt gesprochen wird, ist oben angespielt mit dem Hinweis «wie man unter Asketen sagt.» Der Ausdruck asanivicakkam, zernagen und zerknacken, kommt noch einmal im Samyuttakanikāyo vor, wo es im übertragenen Sinne heißt, daß Almosen, Ehre und Ruhm beim kämpfenden Mönche, der nach dem Heile noch ringen muß, darauf hinzielt ihn zu zernagen und zu zerknacken. «Zernagen und Zerknacken das ist, ihr Mönche, eine Bezeichnung für Almosen, Ehre und Ruhm. So arg ist, ihr Mönche, Almosen, Ehre und Ruhm, ist bitter, ist beißend, hinabzerrend vom Wege zur höchsten Sicherheit. Darum aber hat man, ihr Mönche, sich also zu üben: <Kommt uns Almosen, Ehre und Ruhm zu, werden wir es lassen, auf daß unser Gemüt davon nicht umschränkt werden kann>: so habt ihr Mönche euch wohl zu üben.» Siam. Ausg. II 207 (PTS.229).

(*15) Back Das Gleichnis vom Kernholz, Grünholz, der Rinde, dem Geäst und Laubgezweig ist in der 29. und 30. Rede der Mittleren Sammlung mit aller Ausführlichkeit vorgetragen. Durch die oben dann folgenden Angaben über das vierfach gezügelt sein in fester Zucht wird der bekannte Lehrsatz des Freien Bruders Nathaputto in das Gespräch einbezogen und alsbald geistig vertieft; siehe 2. Rede.

(*16) Back Na bhāvitam āsimsati, er hofft auf kein Ereignis, d.h. er glaubt an keine plötzliche Wendung der Dinge zum Besseren, an ein plötzliches Geschehen, das da von außen eintreten würde: denn er weiß, daß alles von innen ausgeht, von innerer Arbeit abhängt. Mit anderen Worten: er ist kein Träumer und Zwecksucher, gehört nicht den Schwärmern, die sich mit Flausen von Weltentwicklung und Goldenem Zeitalter oder Weltuntergang und Jüngstem Tag beschäftigen, gehört nicht zu jenen, die alle vergangenen Jahrhunderte nur als Grundlagen und Staffeln zur glücklich erreichten Gegenwart und noch viel herrlicheren Zukunft betrachten; gehört auch nicht zu den immer irgend einen Erlöser oder Übermenschen oder Tausendkünstler Erhoffenden.

Diese Art und Weise, wie man sich den Dingen gegenüberstellt, ist gut in dem kurzen Hinweis gezeigt, den der Meister dem ehrwürdigen Rādho gibt: Gleichwie etwa Knaben oder Mädchen sich damit vergnügen, Häuslein aus Sand und Erde zu bauen und voller Begier, Verlangen, Wille, Durst eifrig und fieberhaft daran arbeiten, ihre Sandhäuslein hegen und behüten, gern haben, sich zueignen; ist ihnen aber die Lust daran vergangen, so werden sie alsbald jene Sandhäuslein mit Händen und Füßen zerreiben, zertreten, zerstampfen und damit ausgespielt haben: ebenso nun auch wird der erfahrene Jünger die fünf Stücke des Anhangens, und zwar Form, Gefühl, Wahrnehmung, Unterscheidung, Bewußtsein zerreiben, zertreten, zerstampfen und damit ausgespielt haben, um dahin zu gelangen, wo der Durst versiegt; denn versiegt der Durst, erlischt der Wahn. Samyuttakanikāyo ed Siam. vol. III p.169 (PTS 190). Im Lalitavistaras ist unser Gleichnis nicht mehr verstanden und stark vergröbert worden, es heißt dort, im 15. Kapitel, ed. LEFMANN p.208: ābhir bālāh krīdanti dārakā iva svamūtrapurīsaih, «mit Weibern treiben Toren Kurzweil wie Kinder mit ihrem Harn und Kot»; ein typisches Beispiel wie die Bearbeiter im Mahāyānam über feinere, ihnen nicht mehr geläufige Stellen mit einer flüchtigen Erinnerung sich hinwegzuhelfen suchten.

(*17) Back Die vier brahmavihārā oder heiligen Warten, die vier unermeßlichen Durchstrahlungen, siehe ebenso 13., 17., 19. Rede, auch in der Mittleren Sammlung S.41, 314, 330f, 749f, 941.

(*18) Back Vergl. die 10. Rede, Mittlere Sammlung 498. - Gotamo legt die Satzung dar, für jeden, und sagt von sich selbst nur: «Wegweiser ist der Vollendete», Mittlere Sammlung S. 822. Wer der Weisung folgen, auf das Wort hören mag, ist ohne weiters auf den Weg gelangt, auf die erste Stufe gekommen, ein Hörer der Botschaft geworden. Eben darum sagt der Meister gelegentlich einmal zu Sāriputto: «'Mitglied der Hörerschaft sein, Mitglied der Hörerschaft sein', so heißt es ja hier, Sariputto: was ist aber wohl, Sāriputto, Mitglied der Hörerschaft sein?» - «Umgang mit Edlen, das ist, o Herr, Mitglied der Hörerschaft sein, edle Satzung hören ist Mitglied der Hörerschaft sein, gründliches Nachdenken ist Mitglied der Hörerschaft sein, Schritt um Schritt nachfolgen, wie die Satzung anleitet ist Mitglied der Hörerschaft sein.» - «Gut, Sariputto, gut, Sariputto», stimmt Gotamo bei und billigt diese Erklärung Wort um Wort, Samyuttakanikāyo ed. Siam. vol. V p. 333f. (PTS 347); wie es auch entsprechend im Anguttaranikāyo heißt: «Ein solcher wird ein heiliger Jünger genannt, der unter dem schief geratenen Geschlechte gerade bleibt, unter dem gehässigen Geschlechte ohne Haß bleibt, der mit dem Anhören der Satzung wohl vertraut im Angedenken an die Satzung sich übt»: Ekanipāto No. 12 p. 297 (330).

(*19) Back Eine Sammlung von Gesprächen, die der Meister mit dem ehrwürdigen Rādho gehabt hat, enthält eine Reihe von etwa fünfzig Untersuchungen ausschließlich über māro, den Tod: es ist das 23. Buch des Samyuttakanikāyo, das Rādhasamyuttam, aus dem hier, als beste Erläuterung unserer obigen Stelle, gleich das erste Gespräch mitgeteilt sei, ed. Siam. vol III p.168 (PTS 189 lücken- und fehlerhaft): 

«'Der Tod, der Tod', o Herr, sagt man: was aber meint man, o Herr, wenn man 'der Tod' sagt?» - «Wenn Form, Rādho, besteht, kann der Tod sein, oder der Töter, oder wer eben zutode kommt. Darum aber, Rādho, sollst du die Form als den Tod ansehn, als den Töter ansehn, als das Zutodekommen ansehn, als Siechtum ansehn, als Beule ansehn, als Stachel ansehn, als Übel ansehn, als übel geartet ansehn. Die es also ansehn, die sehn recht an. Wenn Gefühl, Wahrnehmung, Unterscheidungen, Bewußtsein besteht, kann der Tod sein, oder der Töter, oder wer eben zutode kommt. Darum aber, Rādho, sollst du das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewußtsein als den Tod ansehn, als den Töter ansehn, als das zutodekommen ansehn, als Siechtum ansehn, als Beule ansehn, als Stachel ansehn, als Übel ansehn, als übel geartet ansehn. Die es also ansehn, die sehn recht an.» - «Was aber hat man, o Herr, vom Rechtansehn?» - «Vom Rechtansehn, Rādho, kommt Überdruß.» - «Und was hat man, o Herr, vom Überdruß?» - «Vom Überdruß, Rādho, kommt Abkehr» - «Und was hat man, o Herr, von der Abkehr?» - «Von der Abkehr, Rādho, kommt Freiheit.» - «Und was hat man, o Herr, von der Freiheit?» - «Von der Freiheit, Rādho, kommt Erlöschung.» - «Und was hat man, o Herr, von der Erlöschung?» - «Überschritten hast du, Rādho, das Fragen, man kann den Begriff der Frage nicht fassen. Denn um in die Erlöschung zu münden, Rādho, wird das Asketenleben geführt, in die Erlöschung geht es ein, in der Erlöschung geht es auf.»

Bei unserer Rede an Nigrodho und seine Jünger ist noch auf das Ende der 80. Ansprache in der Mittleren Sammlung, ferner auf den Beginn der 136. sowie auf die wichtigen verwandten Stellen hinzuweisen, die zum 22. Stück unserer Sammlung beigebracht sind. Das stumpfe, lahme Verhalten jener Pilger und Freunde Nigrodhos, die bei einer so außerordentlichen Verheißung und angesichts eines solchen Mannes auch nicht einen einzigen Verständigen zeigen, der es auf einen kurzen Versuch möchte ankommen lassen - sieben Tage, was liegt daran - diese erstaunliche Schwerfälligkeit des Entschlusses, die man freilich einer alles überragenden Größe gegenüber regelmäßig und also auch hier, bei sonst hochbegabten Leuten, beobachten kann, spricht wiederum sehr zugunsten der treu bewahrten nüchternen Überlieferung, selbst bei dergleichen trivialen, nebensächlichen Zügen und Umständen. Denn der Mensch, wie er eben überall im Durchschnitt zu sein pflegt, versucht gar nicht erst, ob er doch wohl eine so kurze Strecke durchstehn kann, und beruhigt sich alsbald und sagt sich: Wer gut sitzt, steht nicht auf. Oder nach unserer deutsch gemächlichen Redensart: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Von allen Vernunftgründen war auch jenen indischen Pilgern und Büßern die längst angewohnte, ihnen liebgewordene Lebenslüge nicht verleidet worden. So hielten sie es damals, so halten sie es heute, so wird man es immer halten wo man brav meint, daß die Mehrheit das Recht auf ihrer Seite habe. Auch kommt wohl bei jenen indischen Büßern noch in Betracht, daß sie Angst davor haben, was man über sie sagen könnte, wie bei Pāyāsi in unserer 23. Rede: auch dieser Mann würde gern der Wahrheit die Ehre geben, wenn er sich nur nicht fürchten müßte dadurch an seinem Ansehn Einbuße zu erleiden, für geringer und unbedeutender gehalten zu werden. Würde nämlich so einer seine bisher vertretene Überzeugung ändern, sich nunmehr einer höheren Erkenntnis unterordnen, so krampft sich ihm das Herz zusammen, wenn er erwägt 'bhavissanti me vattāro', «man könnte mir nachsagen», man würde mich rügen, es würde von mir heißen: 'Wie töricht ist er doch bisher gewesen, wie schwer von Begriffen' und dergleichen mehr. Das darf um keinen Preis geschehn, «alles, nur das nicht», haben solche Geister schon damals gedacht, haben von dem, was einer vorstellt, in der Meinung anderer, auch keinen Schritt abweichen wollen, nach ihrer nur allzu aphoristischen Lebensweisheit. Das 'bhavissanti me vattāro', es würde von mir heißen, ist also auch in Indien ein gar alter Gemeinplatz gewesen. Pāyāsi der Kriegerfürst hat auf ihm gerastet, Nigrodho der Pilger und seine Gesellschaft hat ihn nicht verlassen mögen. Weitaus die beste Schilderung aber findet man am Ende unserer 4. Rede, wo das Betragen des hochmögenden Priesters Sonadando ganz ernst nach der Anschauung und darum zugleich unübertrefflich humorvoll gezeigt wird.


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