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DER EINZIGE WEG
V. SATIPATTHANA IN VERBINDUNG MIT ANDEREN ÜBUNGEN
Übungsfolge: Aufgeben der 5 Hemmungen - Satipanhāna - die 7
Erleuchtungsglieder
55
Die Gesetzmäßigkeit in der Lehre
S.47.12
Einst weilte der Erhabene in Nalanda, im Mangohain des Pavarika. Da begab
sich der Ehrwürdige Sāriputta, zum Erhabenen, begrüßte ihn ehrerbietig und
setzte sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend, sprach der Ehrwürdige
Sāriputta, zum Erhabenen also:
„So vertraue ich, o Herr, dem Erhabenen: Nicht war, nicht wird sein, und
nicht findet sich jetzt ein anderer Asket oder Priester hervorragender,
tiefdringender in seiner Erleuchtung als der Erhabene."
"Ein außerordentliches, ein kühnes Wort ward von dir gesprochen, Sāriputta,
einen selbstgewissen Löwenruf hast du ertönen lassen. Wie nun, Sāriputta, die da
in vergangener Zeit Heilige waren, vollkommen Erwachte, hast du alle diese
Erhabenen, sie mit deinem Geiste ergründend, erkannt: Solche Tugend war jenen
Erhabenen zu eigen, solcherart. Solche Lehre, solche Weisheit, solche innere
Weilung, solche Befreiung war jenen Erhabenen zu eigen, Solcherart'?" Wahrlich
nicht, o Herr."
„Wie nun, Sāriputta, die da in künftiger Zeit Heilige sein werden, vollkommen
Erwachte, hast du alle diese Erhabenen, sie mit deinem Geiste ergründend,
erkannt: Solche Tugend wird jenen Erhabenen zu eigen sein, solcherart. Solche
Lehre, solche Weisheit, solche innere Weilung, solche Befreiung wird jenen
Erhabenen zu eigen sein, solcherart'?" - Wahrlich nicht, o Herr."
„Wie nun, Sāriputta, der ich jetzt der Heilige bin, der vollkommen Erwachte,
hast du, mich mit deinem Geiste ergründend, erkannt: Solche Tugend eignet dem
Erhabenen, solcherart. Solche Lehre, solche Weisheit, solche innere Weilung,
solche Befreiung eignet dem Erhabenen, solcherart'?" – „Wahrlich nicht, o Herr."
„Du hast also, Sāriputta, von den vergangenen, zukünftigen und gegenwärtigen
Heiligen, den vollkommen Erwachten keine geistdurchschauende Kenntnis. Wie
konntest du dann, o Sāriputta, jenes außerordentliche, kühne Wort sprechen,
jenen selbstgewissen Löwenruf ertönen lassen: So vertraue ich, o Herr, dem
Erhabenen: Nicht war, nicht wird sein, und nicht findet sich jetzt ein anderer
Asket oder Priester hervorragender, tiefdringender in seiner Erleuchtung als der
Erhabene'?"
„Nicht habe ich wohl, o Herr, von den vergangenen, zukünftigen und
gegenwärtigen Heiligen, den vollkommen Erwachten geistdurchschauende Kenntnis.
Doch bekannt ist mir die Gesetzmäßigkeit in der Lehre.
Es ist, o Herr, wie bei einer königlichen Grenzstadt, die mit starken
Grundmauern, starken Wällen und Torbauten versehen ist und einer einzigen
Pforte. Dort gäbe es nun einen Torwächter, klug, erfahren und umsichtig, der
Unbekannte abweist und Bekannte einläßt. Der schritte nun den um die Stadt ganz
herumführenden Weg ab, und nicht gewahrte er in der Umwallung eine Lücke oder
Bruchstelle, auch nur so groß, daß eine Katze hindurchschlüpfen könnte. Der
dächte dann: welche größeren Lebewesen auch immer die Stadt betreten oder
verlassen, alle diese betreten oder verlassen sie nur durch dieses Tor.' Genau
so, o Herr, ist mir die Gesetzmäßigkeit in der Lehre bekannt.
Die da in der Vergangenheit Heilige waren, vollkommen Erwachte, all diese
Erhabenen wurden erleuchtet in der unvergleichlich höchsten Erleuchtung, nachdem
sie die fünf Hemmungen aufgegeben, die den Geist beflecken und die Weisheit
schwächen, nachdem sie ferner den Geist in den vier Grundlagen der Achtsamkeit
gut gefestigt und die sieben Glieder der Erleuchtung ihrer wirklichen
Beschaffenheit gemäß entfaltet hatten.
Auch die in der Zukunft Heilige sein werden, vollkommen Erwachte, all diese
Erhabenen werden erleuchtet sein in der unvergleichlich höchsten Erleuchtung,
nachdem sie die fünf Hemmungen aufgegeben, die den Geist beflecken und die
Weisheit schwächen, nachdem sie ferner den Geist in den vier Grundlagen der
Achtsamkeit gut gefestigt und die sieben Glieder der Erleuchtung in ihrer
wirklichen Beschaffenheit entfaltet haben.
Auch der Erhabene, o Herr, der da jetzt der Heilige ist, der vollkommen
Erwachte, auch er ward erleuchtet in der unvergleichlich höchsten Erleuchtung,
nachdem er die fünf Hemmungen aufgegeben, die den Geist beflecken und die
Weisheit schwächen, nachdem er ferner den Geist in den vier Grundlagen der
Achtsamkeit gut gefestigt und die sieben Glieder der Erleuchtung in ihrer
wirklichen Beschaffenheit entfaltet hatte." ,Gut, gut, o Sāriputta, So mögest du
denn diese Lehrdarlegung häufig den Mönchen und Nonnen, Anhängern und
Anhängerinnen vortragen. Auch törichten Menschen, die da hinsichtlich des
Vollendeten Zweifel hegen sollten oder Unsicherheit, schwinden wird ihnen, wenn
sie diese Lehrdarlegung gehört haben, was ihnen hinsichtlich des Vollendeten an
Zweifel und Unsicherheit war."
Die Verbindung von Satipatthāna mit den Erleuchtungsgliedern findet sich
auch erwähnt in Text 28 und ausführlich behandelt in
Text 42.
Übungsfolge: Satipatthāna - Heilige Magie', d. i. die Schulung zur
Überwindung von Abneigung und Zuneigung.
56
Erfolg in der Satipatthāna-Übung
S.52.1
Als einmal der Ehrwürdige Anuruddha einsam und zurückgezogen weilte, stieg
ihm diese Erwägung auf:
"Wer die vier Grundlagen der Achtsamkeit verfehlt hat, verfehlt hat er auch
den heiligen Pfad, der zur Versiegung des Leidens führt. Wer in den vier
Grundlagen der Achtsamkeit Erfolg hat, Erfolg hat er auch auf dem heiligen Pfad,
der zur Versiegung des Leidens führt."
Es erkannte da der Ehrwürdige Mahā-Moggallāna, in seinem Geiste die Erwägung
des Ehrwürdigen Anuruddha, und so schnell, wie ein starker Mann den gebeugten
Arm strecken oder den gestreckten Arm beugen mag, erschien er vor dem
Ehrwürdigen Anuruddha. Und der Ehrwürdige Mahā-Moggallāna, sprach zum
Ehrwürdigen Anuruddha also:
„Inwiefern, Bruder Anuruddha, hat der Mönch Erfolg in den vier Grundlagen der
Achtsamkeit?" „Da, o Bruder, weilt der Mönch nach innen beim Körper, die Dinge
in ihrem Entstehen betrachtend - in ihrem Vergehen betrachtend - in ihrem
Entstehen und Vergehen betrachtend, eifrig, wissensklar und achtsam, nach
Überwindung von Begierde und Trübsal hinsichtlich der Welt.
Er weilt nach außen beim Körper, die Dinge in ihrem Entstehen betrachtend -
in ihrem Vergehen betrachtend - in ihrem Entstehen und Vergehen betrachtend,
eifrig, wissensklar und achtsam, nach Überwindung von Begierde und Trübsal
hinsichtlich der Welt.
Er weilt nach innen und außen beim Körper, die Dinge in ihrem Entstehen
betrachtend - in ihrem Vergehen betrachtend - in ihrem Entstehen und Vergehen
betrachtend, eifrig, wissensklar und achtsam, nach Überwindung von Begierde und
Trübsal hinsichtlich der Welt.
Wenn er wünscht: Bei Widerwärtigem will ich des Nicht-Widerwärtigen gewahr
verweilen' des Nicht-Widerwärtigen gewahr verweilt er dann.
Wenn er wünscht: Bei Nicht-Widerwärtigem will ich des Widerwärtigen gewahr
verweilen', des Widerwärtigen gewahr verweilt er dann.
Wenn er wünscht: Bei Nicht-Widerwirtigem und Widerwärtigem will ich des
'Widerwärtigen gewahr verweilen", des Widerwärtigen gewahr verweilt er dann.
Wenn er wünscht: Bei Widerwärtigem und Nicht-Widerwärtigern will ich des
Nicht-Widerwärtigen gewahr verweilen', des Nicht-Widerwärtigen gewahr verweilt
er dann.
Wenn er wünscht: Nicht-Widerwärtiges und Widerwärtiges, diese beiden
(Betrachtungsweisen) meidend, will ich gleichmütig weilen, achtsam und
wissensklar', gleichmütig, achtsam und wissensklar verweilt er dann dabei.
[38]
Er weilt nach innen bei den Gefühlen - beim Geisteszustand - bei den
Geistobjekten ...
Jede dieser drei Betrachtungen ist in der gleichen Weise auszuführen wie
zuvor die Körper-Betrachtung.
Übungsfolge: Die vier Erhabenen Weilungen gefolgt von den Vertiefungen;
Satipatthāna gefolgt von den Vertiefungen.
57
Gut entfaltete Sammlung
A.VIII.63
„Da hast du, o Mönch, so zu üben: Der Geist in meinem Inneren soll standhaft
sein und wohl gefestigt, und nicht sollen die aufsteigenden üblen, unheilsamen
Dinge meinen Geist gefesselt halten!' So, o Mönch, sollst du üben.
Wenn nun, o Mönch, der Geist in deinem Inneren standhaft ist, wohl gefestigt
und die aufsteigenden üblen, unheilsamen Dinge deinen Geist nicht gefesselt
halten, dann sollst du, o Mönch, so üben: Die Güte, die Befreiung des Herzens,
soll in mir entfaltet werden, häufig geübt, zum Förderungsmittel, zur Grundlage
gemacht, weitergeführt, gestärkt und wohl vollendet werden.' So, o Mönch, sollst
du üben.
Wenn nun, o Mönch, diese Sammlung von dir so entfaltet und häufig geübt
wurde, dann mögest du o, Mönch, diese Sammlung mit Gedankenfassen und Überlegen
üben, mögest du sie ohne Gedankenfassen, bloß mit Überlegen üben, mögest du sie
ohne Gedankenfassen und ohne Überlegen üben, mögest du sie mit Entzücken üben,
mögest du sie ohne Entzücken üben, mögest du sie mit Freude üben, mögest du sie
mit Gleichmut üben.[39]
Wenn nun, o Mönch, diese Sammlung von dir so entfaltet, gut entfaltet wurde,
dann sollst du, o Mönch, so üben: Das Mitleid - die Mitfreude - der Gleichmut,
die Befreiung des Herzens soll in mir entfaltet werden ... (wie oben bis:) ...
mit Gleichmut üben.
Wenn nun, o Mönch, diese Sammlung von dir so entfaltet, gut entfaltet wurde,
dann sollst du, o Mönch, so üben: Beim Körper will ich in Betrachtung des
Körpers weilen, eifrig, wissensklar und achtsam, nach Überwindung von Begehren
und Mißmut hinsichtlich der Welt.' So, o Mönch, sollst du üben.
Wenn nun, o Mönch, diese Sammlung von dir so entfaltet, gut entfaltet wurde,
dann mögest du, o Mönch, diese Sammlung mit Gedankenfassen und Überlegen üben
... mit Gleichmut üben.
Wenn nun, o Mönch, diese Sammlung von dir so entfaltet, gut entfaltet wurde,
dann sollst du, o Mönch, so üben: Bei den Gefühlen - beim Geist - bei den
Geistobjekten will ich in Betrachtung der Geistobjekte weilen, eifrig,
wissensklar und achtsam, nach Überwindung von Begehren und Mißmut hinsichtlich
der Welt.' So, o Mönch, sollst du üben.
Wenn nun, o Mönch, diese Sammlung von dir so entfaltet, gut entfaltet wurde,
dann mögest du, o Mönch, diese Sammlung mit Gedankenfassen und Überlegen üben
... mit Gleichmut üben.
Wenn nun, o Mönch, diese Sammlung von dir so entfaltet, gut entfaltet wurde,
so wirst du, wo immer du gehst, eben mit einem Gefühl des Wohlbefindens geben;
wo immer du stehst, eben mit einem Gefühl des Wohlbefindens stehen; wo immer du
sitzest, eben mit einem Gefühl des Wohlbefindens sitzen; wo immer du liegst,
eben mit einem Gefühl des Wohlbefindens liegen." [40]
Übungsfolge: Allgemeine Achtsamkeit und Wissensklarheit - Aufgeben der 5
Hemmungen - Satipatthāna - Vertiefungen.
58
Stufenweise Übung
Es geht voraus die Unterweisung in
- 1. Sittlichkeit,
- 2. Sinnenzügelung,
- 3.
Maßhalten beim Mahle,
- 4. Wachsamkeit.
Der Text fährt dann fort:
M.125
Wenn nun der edle jünger der Wachsamkeit hingegeben ist, so führt ihn der
Vollendete weiter: Komm, o Mönch, rüste dich mit Achtsamkeit und
Wissensklarheit: handle wissensklar beim Auf- und Abgehen, beim Beugen und
Strecken, beim Tragen der Gewänder und der Schale, beim Essen, Trinken, Kauen
und Schmecken, bei Verrichtung der Notdurft, beim Gehen, Stehen, Sitzen,
Einschlafen, Aufwachen, Sprechen und Schweigen handle wissensklar."
Wenn der Mönch im Besitz von Achtsamkeit und Wissensklarheit ist, dann führt
ihn der Vollendete weiter: ‚Komm', o Mönch, suche einen abgelegenen Ruheplatz
auf: einen Wald, den Fuß eines Baumes, einen Felsen, eine Kluft, eine
Bergeshöhle, eine Leichenstätte, die Waldesmitte, eine Lichtung oder ein
Streulager." Da sucht, ihr Mönche, der Mönch einen abgelegenen Ruheplatz auf,
einen Wald, den Fuß eines Baumes, einen Felsen, eine Kluft, eine Bergeshöhle,
eine Leichenstätte, die Waldesmitte, eine Lichtung oder ein Streulager. Nach
Rückkehr vom Almosengang, am Nachmittag, setzt er sich mit verschränkten Beinen
nieder, den Körper gerade aufgerichtet, die Achtsamkeit vor sich gewärtig
haltend. Er hat sinnliche Begierde aufgegeben und weilt begierdelosen Gemütes,
von Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er aufgegeben, haßlosen
Gemütes weilt er, voll Liebe und Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein
Herz von Gehässigkeit. Starrheit und Müdigkeit hat er aufgegeben, von Starrheit
und Müdigkeit ist er frei, mit wachem Geiste, achtsam, klar und bewußt läutert
er sein Herz von Starrheit und Müdigkeit. Aufgeregtheit und Gewissensunruhe hat
er aufgegeben, er ist frei von Aufregung; innerlich beruhigten Geistes läutert
er sein Herz von Aufgeregtheit und Gewissens-Unruhe. Die Zweifelsucht hat er
aufgegeben, der Zweifelsucht ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, von
Zweifelsucht läutert er sein Herz.
Nach Aufgeben dieser fünf Hemmungen, die den Geist beflecken und die Weisheit
schwächen, weilt er beim Körper in Betrachtung des Körpers - bei den Gefühlen in
Betrachtung der Gefühle - beim Geist in Betrachtung des Geistes bei den
Geistobjekten in Betrachtung der Geistobjekte, eifrig, wissensklar und achtsam,
nach Überwindung von Begehren und Mißmut hinsichtlich der Welt.
Es ist, wie wenn ein Elefantenbändiger einen großen Pfosten in die Erde
eingerammt hat, und daran bindet er einen Wald-Elefanten am Halse fest, um ihm
sein dem Wald entsprechendes Betragen auszutreiben, sein auf den Wald
gerichtetes Sinnen auszutreiben, seine vom Walde stammende Qual, Erschöpfung und
Erhitzung zu verscheuchen, um ihn ans Dorfbereich zu gewöhnen, ihn zu einem den
Menschen angenehmen Betragen zu erziehen. Ebenso sind für den edlen jünger die
vier Grundlagen der Achtsamkeit ein Festbinden des Geistes, um das hausgewohnte
Betragen auszutreiben, das hausgewohnte Sinnen auszutreiben, die hausgewohnte
Qual, Erschöpfung und Erhitzung zu verscheuchen, um der Gewinnung des rechten
Weges, der Verwirklichung des Nibbana willen.
Den führt dann der Vollendete weiter: Komm', o Mönch! Beim Körper weile in
Betrachtung des Körpers, nicht aber denke einen mit der Sinnenwelt verbundenen
Gedanken! Bei den Gefühlen weile in Betrachtung der Gefühle - beim Geist in
Betrachtung des Geistes - bei den Geistobjekten in Betrachtung der Geistobjekte,
nicht aber denke einen mit der Sinnenwelt verbundenen Gedanken!' Nach Stillung
von Gedankenfassen und Überlegen erreicht er dann die innere Beruhigung und
Einheit des Geistes, die von Gedankenfassen und Überlegen freie, in der Sammlung
geborene, von Entzücken und Glücksgefühl begleitete zweite Vertiefung ...
[41]
Es folgen hier die weiteren Vertiefungen und die Erlangung der drei
Wissen, die mit der Heiligkeit abschließen.
[38] Die vorstehenden fünf Betrachtungsweisen werden (erstmalig in der 28. Rede
der Langen Sammlung) als die „heilige Magie" oder die Macht der Heiligen (ariya-iddhi)
bezeichnet. In ihnen erweist sich die souveräne Macht des Willens über die
Gefühlswelt und die Unabhängigkeit eines im höchsten Sinne freien Geistes (siehe
Text 4) von Gefühlseinstellungen, welche durch subjektive Einstellung und
Neigungen, durch Leidenschaften oder Gewohnheit diktiert sind. Es ist eine Art
sublimer "Verwandlungskunst«, welche die Gefühlswertungen nach Wunsch
vertauschen oder sich gänzlich in die Haltung des Gleichmuts zurückzuziehen
vermag. Ein durch solche Schulung gegangener Gleichmut hat wahrlich die stärkste
Feuerprobe bestanden. So sind denn auch diese fünf Betrachtungsweisen in ihrer
völligen Meisterung das ureigene Bereich des Heiligen, des Arahat, und dies
besagt auch ihr Name, die „Magie (oder Macht) der Heiligen«. Doch auch für einen
willensstarken, in der Geistesschulung Fortgeschrittenen wird es von großem
Werte sein, wenn er sich an dieser „heiligen Magie" versucht. Die Voraussetzung
dafür ist freilich eine gründliche Satipatthāna-Übung, und daher wird diese auch
in unserem Text vorangestellt. Es ist besonders die Gefühls-Betrachtung« und die
in Text 53 gelehrte Sonderung von Wahrnehmung und der Einstellung zu ihr, die
hier als Vorbereitung unerläßlich ist.
Im Visuddhi-Magga (Übersetzung, Seite 437) werden die einzelnen Betrachtungen
wie folgt erklärt:
" . . während der mit dieser Macht ausgerüstete triebversiegte Mönch einen
widerlichen, unerwünschten Gegenstand mit Güte durchstrahlt oder in seine
Elemente zerlegt, verweilt er in der Vorstellung des Nichtwiderlichen. Insofern
er aber einen nichtwiderlichen, erwünschten Gegenstand als etwas Unreines
durchdringt oder ihn als vergänglich erwägt, verweilt er in der Vorstellung des
Widerlichen. Ebenso, Widerliches wie Nichtwiderliches mit seiner Güte
durchstrahlend oder in die Elemente zerlegend, verweilt er in der Vorstellung
des Nichtwiderlichen. Nichtwiderliches wie Widerliches als unrein durchdringend
oder als vergänglich erwägend, verweilt er in der Vorstellung des Widerlichen.
Erblickt er mit dem Auge eine Form, so ist er weder frohgestimmt . . .'; den in
diesen Worten (A.IV.195)
beschriebenen sechsfachen Gleichmut erweckend, vermeidet er beides, Widerliches
wie Nichtwiderliches, und verweilt gleichmütig, achtsam, klarbewußt.«
[39] Dieser Text ist ein Suttenbeleg für die im Abhidhamma vorgezogene
fünffache Einteilung der Vertiefungen, die in den Sutten meist als vier gegeben
werden. In unserem Text bildet „ohne Gedankenfassen und Überlegen, mit
Entzücken" die dritte Vertiefung; „ohne Entzücken, mit Freude" die vierte; „mit
Gleichmut" die fünfte Vertiefung.
[40] Kommentar: "Dies bezieht sich auf den Heiligen. Denn wer die Heiligkeit
erreicht hat, weilt in allen Körperhaltungen in einem Zustand des
Wohlbefindens."
Dieser Text gibt eine Übungsfolge, die als „Klarblick mit vorausgegangener
Gemütsruhe" bezeichnet wird (A.IV.170).
Gemütsruhe" (samatha) bezeichnet Meditationsübung mit dem Ziel der
Vertiefungen; als Klarblick" (vipassanā) gilt hier die Satipatthāna-Übung.
[41] In diesem Text handelt es sich um eine Übungsfolge, der ,Gemütsruhe mit
vorangegangenem Klarblick«. Nach einer von den fünf Hemmungen freien Satipatthāna-Übung wird dann als nächste Stufe das Gewicht darauf gelegt,
hierbei keine mit der Sinnenwelt verbundene Gedanken zu hegen. Darauf folgt dann
sofort - was in den Texten ganz ungewöhnlich ist - der Eintritt in die zweite
Vertiefung. Die Kommentare äußern sich nicht zu dieser Anomalie. Folgende
Bemerkungen seien mit Vorbehalt als eine Erklärung angeboten.
Die Annäherung an den in den Vertiefungen erreichten Konzentrationsgrad der
vollen Sammlung« (appanā) ist gegeben durch Erreichung der angrenzenden Sammlung" (upacāra-samādhi),
welche für eine erfolgreiche Klarblickübung erforderlich ist; in ihr sind,
ebenso wie in den Vertiefungen, die fünf Hemmungen aufgehoben. Ein direkter
Übergang in die von Gedankenfassen und überlegen freie zweite Vertiefung ist
dadurch erleichtert, daß in der Satipatthāna-Übung des „reinen Beobachtens" der
körperlichen und geistigen Vorgänge ohnehin Gedankenfassen und überlegen stark
reduziert sind, ähnlich wie in der ersten Vertiefung. Diese Abschwächung
erleichtert es auch, der nächsten Anweisung zu folgen, nämlich das gedankliche
Auffassen von Sinnenobjekten gänzlich einzustellen. Dies ist offenbar der
Einsatzpunkt für den Eintritt in die volle Sammlung der Vertiefungen überhaupt
(charakterisiert als „abgewandt von den Sinnendingen"), sowie in die von
Gedankenfassen und überlegen freie zweite Vertiefung im besonderen.
Ein „Überspringen" von Vertiefungsstufen findet sich auch erwähnt im
Vissuddhi-Magga (übers., Seite 428).

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